Referat: Nationale Minderheiten im nördlichen Kaukasus Печать
24.02.2009 12:53

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Philosophische Fakultät
Historisches Seminar: Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa
Wintersemester 2006/ 07
Proseminar: Nationale Minderheiten in der Sowjetunion
Seminarleiter: Thorsten Pomian, MA
Termin: 20.12.2006

Referat

Nationale Minderheiten im nördlichen Kaukasus

Gliederung des Referats:
1. Die geographische Lage des Kaukasus sowie ihr Einfluss auf die Rolle des Kaukasus als ulturräumliche Nahtstelle zwischen Asien und Europa
2. Die vielfältige Bevölkerungsstruktur Nordkaukasiens
3. Die russische Expansionspolitik im Nordkaukasus seit dem 18. Jahrhundert und der ordkaukasische antikoloniale Widerstand
4. Die Herausbildung der Territorialgliederung Nordkaukasiens innerhalb der UdSSR
5. Deportation als Instrument sowjetischer Nationalitätenpolitik
6. Die Situation seit Auflösung der Sowjetunion 1991
7. Fazit

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1. Die geographische Lage des Kaukasus sowie ihr Einfluss auf die Rolle des Kaukasus als ulturräumliche Nahtstelle zwischen Asien und Europa

• Die sich südlich an die osteuropäische Ebene anschließende breite Landenge wischen Schwarzem und Kaspischem Meer wird als Kaukasien bezeichnet.
• Von Norden nach Süden gliedert sich Kaukasien in folgende fünf naturräumliche roßeinheiten: das nördliche Kaukasusvorland, den Großen Kaukasus, die ranskaukasische Senke, den Kleinen Kaukasus und das Hochland von Armenien.
• Die natürlich vorgegebene Isthmus-Lage des Raumes und die orographische igenart der Gebirgsregion haben Kaukasien zu einer kulturräumlichen ahtstelle zwischen Asien und Europa werden lassen.

2. Die vielfältige Bevölkerungsstruktur Nordkaukasiens

• Die in mehrfacher Hinsicht periphere Lage Kaukasiens bedingt eine relative ugänglichkeit für äußere Einflüsse: Die Lage im östlichen Einflussbereich des editerranen Kulturkreises führte zur Übernahme des Christentums im estlichen Teil Transkaukasiens.
• Seit dem 8. Jahrhundert entwickelte sich Kaukasien, das zeitweilig zum nördlichen errschaftsgebiet der Araber gehörte und dessen südlicher Teil sich zwischen dem 16. nd 18. Jahrhundert im Spannungsfeld zwischen Osmanischem und Persischem Reich efand, zur nördlichen Peripherie der islamischen Welt.
• Seit Ende des 18. Jahrhunderts führten die Versuche Russlands, den kaukasischen aum politisch und ökonomisch zu beherrschen, zu einer gezielten russischen Prägung er orientalischen Kulturlandschaft.
• Die räumliche und zeitliche Überlagerung der verschiedenen äußeren Einflüsse sowie ie Interferenz ethnischer und konfessioneller Zugehörigkeiten bedingen den bergangscharakter des Raumes und sind letztlich für eine kulturräumliche Struktur erantwortlich, die bezüglich der Heterogenität nicht nur innerhalb der ehemaligen owjetunion ihresgleichen sucht. Entstanden ist ein Gebilde aus zahlreichen Völkern, ie sich in konfessioneller, sprachlicher und ethnischer Hinsicht teilweise enorm oneinander unterscheiden.
• Nach der Volkszählung 1989 lebten im Nordkaukasus (unter Angabe der Ethnie – eligionszugehörigkeit – Sprache) :
900.000 Čečenen – Sunnitische Muslime - Čečenisch
600.000 Avaren – mehrheitlich sunnitische Muslime – Avarisch
550.000 Osseten – orthodoxe Christen – Ossetisch
390.000 Kabardiner – Sunnitische Muslime – Čerkesso-Kabardinisch
237.000 Ingušen – Sunnitische Muslime – Ingušisch
140.000 Karačajer – Sunnitische Muslime – Karačaj-Balkarisch
120.000 Adyge – Sunnitische Muslime – Adygeisch
60.000 Balkaren – Sunnitische Muslime – Kumykisch

Hinzu kommen Russen, Griechen, Koreaner, Ukrainer, Kurden, Armenier, Juden, Deutsche,
Polen, Nogajer und viele andere Völker.

3. Die russische Expansionspolitik im Nordkaukasus seit dem 18. Jahrhundert und der
nordkaukasische antikoloniale Widerstand

• Für die Zeit vor der Mitte des 16. Jahrhunderts kann man sich den ordkaukasus als eine isolierte und weitgehend konfliktfreie Region vorstellen, in er eine Vielzahl teils christianisierter, teils islamisierter Völker lebte. Danach wurde ie Region zunehmend zu einem Objekt der Großmächte Russland, dem Osmanischen owie dem Persischen Reich.
• Objekt einer konsequenten Expansionspolitik Russlands wurde der ordkaukasus seit dem 18. Jahrhundert. Bereits in dieser frühen Phase setzte oskau ein differenziertes System Instrumentarium ein, das von der Kooptation okaler Eliten über Siedlungspolitik und orthodoxe Mission bis zur militärischen ktion reichte.
• Die russische Offensive traf von Beginn an auf vehementen Widerstand, der ereits die wesentlichen Elemente nachfolgender Aufstandsbewegungen zeigte: Die erbindung von ethnischer Selbstverteidigung mit einer islamisch religiösen Fundierung und Verklärung des Widerstandes als religiös gebotenen Kampfes gegen ine Oberherrschaft durch Ungläubige.
• Die wichtigste Widerstandsperiode im Kaukasus umfasste die sogenannten uridenkriege zwischen 1824 und 1859. Der Expansion Russlands seit dem 16. ahrhundert wurde an keiner Stelle ein so elementarer Widerstand entgegengesetzt wie ier. Unter der Führung Šamils errichteten die Widerstandskämpfer gar einen slamischen Staat (Imamat). Erst 1859 gelang Russland der Sieg über die Guerilla sowie die Unterwerfung des Nordkaukasus.

4. Die Herausbildung der Territorialgliederung Nordkaukasiens innerhalb der UdSSR

• 1920: Errichtung zweier autonomer Republiken:
- der Dagestanischen ASSR, welche das ehemalige Dagestan-Gebiet sowie den größten Teil des vormals zum Terek-Gebiet gehörenden Kreises Chasavjurt umfasste.

- der Gorskaja ASSR (Bergrepublik), welche die ethnischen Territorien der Ingušen, Cečenen, Osseten, Kabardiner, Balkaren und Karačajer sowie der Kosaken von Sunža vereinigte.
• 1921 Ausgliederung des Autonomen Gebiets (AG) der Kabardiner, das vier Monate
später um den nationalen Kreis der Balkaren zum AG der Kabardiner und Balkaren
erweitert wurde.
• 1922 Errichtung des AG der Čečenen und des AG der Karačajer und Čerkessen.
• 1926 Gründung des AG der Karačajer sowie des nationalen Kreises der Čerkessen, welcher 1928 zum AG aufgestuft wurde.
• 1924 Die nationalen Kreise der Osseten und Ingušen erhielten den Status eines AG.
• 1936 Die Autonomen Gebiete der Kabardiner und Balkaren, der Čečenen und Ingušen sowie das Nordossetische AG erhielten den Status ASSR.
• 1943/ 44 kam es im Zusammenhang mit der von Stalin verfügten Deportation der Balkaren, Karačajer, Čečenen und Ingušen zu einschneidenden
Veränderungen in der politischen Gliederung Nordkaukasiens. Die zwangsweise umgesiedelten Völker verloren jegliche Gebietsansprüche, ihre nationalen Territorien wurden aufgeteilt und ihr Name verschwand aus den Bezeichnungen der entsprechenden Einheiten.
• 1956 erfolgte die offizielle Rehabilitierung der deportierten Völker und der Beschluss über die Wiedererrichtung der nationalen Gebietseinheiten. Die ausgesiedelten Völker erhielten das Recht auf Rückkehr in ihre Heimatgebiete. Allerdings kam es bei der Reorganisation der Territorialeinheiten zu einigen Veränderungen gegenüber dem Stand vor der Deportation:
Die nationalen Territorien der Karačajer und Čerkessen wurden zu einem AG zusammengefasst. Die Grenze zwischen der wiedererrichteten ASSR der Čečenen und Ingušen und der Nordossetischen ASSR war bis auf einen Abschnitt im Süden nach Osten verlegt, wodurch der ursprünglich ingušische Landkreis Prigorodnyj bei Nordossetien verblieb.

5. Deportation als Instrument sowjetischer Nationalitätenpolitik

• Das Kaukasusvolk, das am frühesten die Umsiedlung aus seiner Heimat erlitt, waren die Karačajer. In ihrem Gebiet hatte sich seit 1942 eine Banden- und Aufstandsbewegung gegen die Staatsmacht entwickelt, geführt von einem karačajischen Nationalkomitee und einem Militärstab. Als „Reaktion“ auf die bedrohliche Situation wurden im November 1943 63.000 Karačajer nach Kasachstan und andere mittelasiatischen Republiken zwangsumgesiedelt. Das zuvor von den Karačajern besiedelte Territorium wurde mit neuen Einwohnern besiedelt, die aus Stavropol und den zentralen Teilen der Russländischen Föderation kamen.
• Auch in Čečeno-Ingušien nahm der Widerstand gegen das Regime seit 1942 erbitterte Formen an. Verschärft wurde die Lage im Zusammenhang mit der Unterversorgung der Republik mit elementaren Lebensmitteln. Dies nahm Stalin zum Anlass, etwa 500. 000 Čečenen sowie 91. 000 Ingušen umzusiedeln.
• Die nächste Aktion bei den Deportationen der Kaukasusvölker traf die Balkaren. Stalin bezichtigte sie der Kollaboration mit dem deutschen Besatzungsregime. Ab März 1944 begann daher die Deportation der Balkaren nach Kasachstan und Kirgisien. Ingesamt wurden mehr als 39. 000 Bürger balkarischer Nationalität umgesiedelt.
• Als weitere Gründe für die Deportation von Völkern des Kaukasus wurden zumeist "politische Unzuverlässigkeit“ sowie Wehrdienstverweigerung und Desertion aus der Roten Armee angegeben.
• 1956 erfolgte die offizielle Rehabilitierung der deportierten Völker und der Beschluss über die Wiedererrichtung der nationalen Gebietseinheiten. Die ausgesiedelten Völker erhielten das Recht auf Rückkehr in ihre Heimatgebiete. Die Rehabilitierung stellte zwar weitestgehend die alten Autonomien wieder her, nicht jedoch in allen Fällen die früheren Grenzen.

 

6. Die Situation seit Auflösung der Sowjetunion 1991 – Konflikte und Chancen

• Die territoriale Aufteilung Kaukasiens ist bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt im Wesentlichen unverändert. Im Gegensatz zu den ehemaligen transkaukasischen Unionsrepubliken (Armenien, Georgien und Azerbajdžan), welche sich 1991 erfolgreich zu unabhängigen Staaten erklärten, erhielten die ehemaligen ASSR Kabardino-Balkarien, Nordossetien und Cečeno-Ingušien sowie die ehemalige AG der Karačajer und Čerkessen sowie die Adygeische AG lediglich den Status von autonomen Republiken innerhalb der Russländischen Föderation.
• Die Bildung der Republik Ingušien wurde im Dezember 1992 beschlossen, nachdem das Territorium bereits im Juni 1992 für die Bildung einer von Čečenien getrennten Republik vorgesehen worden war.
• Seitens der Karačajer und Čerkessen sowie der Kabardiner und Balkaren bestehen darüber hinaus Ansprüche auf Aufteilung der gemeinsamen Territorialeinheiten in getrennte Republiken. Moskau hat diesen Absichten bisher jedoch nicht zugestimmt.
• Čečenien erkannte als einzige der nordkaukasischen Republiken den Föderationsvertrag nicht an. Die Republik strebt eine Unabhängigkeit von der Russländischen Föderation an und hatte bereits im November 1991 eine selbständige Republik Čečenien ausgerufen. Die Separationsbestrebungen Cečeniens werden von Russland militärisch unterdrückt.
• Entgegen den zahlreichen Ansprüchen nach nationaler Abgrenzung existieren integrative Bestrebungen, die sich in der 1991 gegründeten „Konföderation der Bergvölker des Kaukasus“ zusammengefunden haben. Das Hauptziel der Konföderation, die über kaum handlungsfähige Machtstrukturen verfügt, ist die Bildung eines gleichnamigen Staates.

 

7. Fazit

• Die scheinbar willkürlich festgelegte Territorialgliederung des Nordkaukasus sowie deren ebenso willkürliche Umgestaltung nach der Rehabilitierung der deportierten Völker 1956 schaffte die Grundlage für die heute bestehenden Konflikte zwischen einzelnen kaukasischen Völkern (z.B. für den ossetischingušischen Konflikt).
• Des weiteren sorgte die Errichtung nationaler Republiken für eine Nationalisierung der Völker, welche diesen zuvor gänzlich unbekannt war und seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 teilweise in blutigen Konflikte der Völker untereinander mündete.
• Im Zusammenhang mit den Deportationen während des II. Weltkriegs war der Staat sicherlich berechtigt, besonders in der damaligen extremen Situation, seiner Verantwortung für die Sicherung der Stabilität an der Front nachzugehen und die Kriminalität, die sich durch die wirtschaftliche Verschlechterung ergab, zu bekämpfen. Die Methoden dementsprechender Aktionen hätten jedoch gut durchdacht sein müssen. Die Zahl derjenigen, die gegen die bestehende Staatsgewalt handelten, wäre genau zu bestimmen gewesen; daher hätte genau
dieser Bevölkerungsteil bestraft werden müssen. Aber es hätten nicht ganze Völker einschließlich der Frauen und Kinder verfolgt und deportiert werden dürfen.
• In vermutlich keiner anderen Region der ehemaligen UdSSR verlief die Etablierung der Sowjetmacht so schleppend, wie im nördlichen Kaukasus.


Literaturverzeichnis:

• Auch, Eva-Maria, Lebens- und Konfliktraum Kaukasien – Gemeinsame Lebenswelten und
politische Visionen der kaukasischen Völker in Geschichte und Gegenwart, Großbarkau 1996.
• Halbach, Uwe/ Andreas Kappeler, Krisenherd Kaukasus, Baden-Baden 1995.
• Pietzonka, Barbara, Ethnisch-territoriale Konflikte im Kaukasus – Eine politisch-geographische
Systematisierung, Baden-Baden 1995
• Torke, Hans-Joachim, Historisches Lexikon der Sowjetunion – 1917/22 bis 1991, München 1993